STEPHEN DALE PETIT im Interview

Er hat schon mit vielen und für viele große Kollegen wie die Rolling Stones, Manfred Mann, Eric Clapton und Pink Floyd musiziert. Stephen Dale Petit ist ein illustrer Künstler mit einer schillernden Vergangenheit. Und einer ebenso schillernden und vielversprechenden Zukunft, hat der Gitarrist und Singer/Songwriter doch jetzt mit „2020 Visions“ ein großartiges Album voller Überraschungen und voller Finesse veröffentlicht. Im musix-Interview verriet der Amerikaner mehr über sich und seine neue CD.

 

musix: Du bekommst viele großartige Kritiken für „2020 Visions“. Wie wichtig ist das für dich?  

Stephen Dale Petit: Es ist ein 24-Stunden Job, ein Album zu machen. Von den Anfängen über die Proben bis hin zu den Aufnahmen und dem Artwork bin ich in alles involviert. Das Album übernimmt mein Leben komplett, wenn ich an Musik arbeite. Nach all dem ist es natürlich, dass ich mich für Kritikerreaktionen interessiere. Aber ohne der Presse zu nahen treten zu wollen, kommt die reinste Kritik vom Publikum während einer Live-Performance


musix: Für deinen Sound gibt es den Ausdruck „New Blues“. Ist das ok Für dich?

Stephen Dale Petit: Absolut. Obwohl ich Genre-Einteilungen gerne vermeide. Ich halte es mit der Duke Ellington/Count Basie-Definition: „Es gibt nur zwei Arten von Musik. Die gute und die andere.“ Blues ist die Wurzel der ganzen Rockmusik. Aber Blues ist kein Museumsstück. Die ganzen Klassiker sind eine lebende und atmende Antwort auf die Welt und die Zeiten, in denen die Musiker leben. Auf „2020 Visions habe ich den Songs erlaubt, mich dahin zu führen, wohin sie wollen. Die ganze Musik ist tief im Blues verwurzelt. „The Fall Of America“ wurde letztlich neun Minuten lang. So fühlte sich das Stück richtig an. Das Riff stammt noch aus einer Zeit, als ich mit Mick Taylor zusammenwohnte. Er hat mir dabei zugehört, wie es sich entwickelt hat und meinte dann irgendwann „Das ist richtig kraftvoll. Es verfolgt einen und ist sehr hypnotisch. Es hört sich wie altertümliche Lagerfeuermusik an, aber wie neu“. Mick hat das instinktiv als eine frische Inkarnation einer Musik erkannt, deren afrikanische Wurzeln Hunderte wenn nicht Tausende Jahre zurückreichen. Oder „New Blues“ wenn du so willst.

musix: Wie würdest du selber deine Musik beschreiben?

Stephen Dale Petit: Gitarrenlastiger, poetischer Lärm.


musix: Wie hast du dein Handwerk erlernt?

Stephen Dale Petit: Es gab genug Zeit ohne Unterricht, um die pure Freude am experimentieren und erfinden zu erfahren, ohne zu wissen, was ich tat. Als ich dann später Unterricht genommen habe, war die „Versuch-alles-und schau-was-passiert“-Attitüde fest in meiner Herangehensweise an die Gitarre verankert. Ich hatte ein paar Lehrer, die mir hauptsächlich Akkorde und Spielweise beigebracht haben. Dann habe ich mich selbst unterrichtet und mir Solos von Platten beigebracht. Und hier und da was von andern Gitarristen übernommen.


musix: Wie wichtig war deine Zeit als Straßenmusikant für dich?

Stephen Dale Petit: Sehr wichtig! Obwohl es nicht direkt die Straßen, sondern der Untergrund von London waren. Nachdem ich einen Plattendeal hatte, ist ein paar Jahre später alles für mich zusammengebrochen. Alkohol und Drogen hatten mich fest im Griff und ich wurde obdachlos. Als ich anfing zu spielen, habe ich von Londons neuen Lizenzen für Musikern im Untergrund profitiert. Die Leute fragten mich immer nach CDs und nachdem ich von Hunderten gefragt wurde, entschied ich mich, ein Album aufzunehmen, um es dort zu verkaufen. Das war „Guitararama“ und als mich BBC TV featurte kam eins zum anderen. In meine Musik versunken in den gefliesten Hallen – die haben eine großartige Akustik – zehn Stunden am Tag zu spielen hat zu meiner Heilung beigetragen. Und mir geholfen, mich aus der Obdachlosigkeit zu befreien.

musix: Du hast mit vielen großartigen Künstlern zusammengespielt. Mit wem am liebsten?

Stephen Dale Petit: Das lässt sich schwer beantworten, weil die meisten Helden und Götter für mich als Kind waren. Und alle sind erstaunlich begabt. Außerdem sind einige von Ihnen inzwischen persönliche Freunde, so ...


musix: Das Album ist sehr abwechslungsreich. Wie komponierst du?

Stephen Dale Petit: Oft greife ich zur Gitarre und spiele geistesabwesend etwas. Dann offenbart sich ein Juwel von einem Song. Oder ich sage oder höre einen Satz, der sich nach einem guten Text anhört. Es kommt sehr selten vor, dass ich mich hinsetze und mit einer konkreten Vorstellung schreibe. „Tinderbox“ ist eine Ausnahme. Ich fühlte, dass ein schneller Titel helfen würde, das Album auszubalancieren.


musix: Spürst du schon beim Schreiben, ob es in die rockige oder eher die bluesige Richtung geht? 

Stephen Dale Petit: Ich denke schon, aber ich versuche nicht daran zu denken. Bei diesem Album habe ich die Bluespolizei in meinem Kopf ausgeschaltet und den Lieder gestattet, das zu sein, was sie sind. Sie sind alle tief im Blues verwurzelt, auch wenn sie rockiger klingen. Ich suche ständig nach neuen Soundtexturen, um die Musik zu präsentieren. Ich habe kein Interesse daran, das was ich oder jemand anders getan hat, zu wiederholen.


musix. Wie findest du deine Themen für die Lyrics?

Stephen Dale Petit: Es fühlt sich eher so an, als ob sie mich finden. Anfangs wollte ich nichts Bestimmtes oder Aktuelles verwenden, aber ich fand mich darin wieder darauf zu reagieren, was in der Welt um mich herum vorgeht. Das nahm Gestalt an. Die Texte schrieb ich 2017 und 2018 in Hinblick auf die Zukunft. Das Album war fertig und bereit zur Veröffentlichung, als bei mir Stufe-4-Krebs diagnostiziert wurde. Wurde natürlich alles auf Halde gelegt und ich musste durch Chemo- und Strahlentherapie. Nach eineinhalb Jahren war alles sauber, deswegen haben wir das Album nach diesem Jahr benannt. Während der Behandlung war meine größte Sorge, dass ich da durchkomme, damit die Platte anständig veröffentlicht wird. Und sie heißt ja auch „2020 Visions“, musste also möglichst schnell nach meiner Genesung rauskommen. Es war schon beängstigend und mehr als seltsam, die vorgestellte Zukunft zu sehen. Und wie die Lyrics mehr und mehr zur aktuellen Wirklichkeit in der wie Leben werden. 

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